Jüdische Menschen, die ich kannte oder kenne

Für einen zum Judentum konvertierten guten Bekannten sammelte ich im Februar 2007 zum Thema „Begegnungen mit Juden" Auszüge aus meinen „Erinnerungen" und aus Tagebuchnotizen.

Meine früheste Bekanntschaft mit einem jüdischen Deutschen (so um 1957)

Nach dem vormittäglichen Schulbesuch verbrachte ich als 8- bis 15-jähriger die meiste Zeit des Tages im Büro meiner Mutter. Ich hatte hier ein besonderes Pult zur Anfertigung der Hausaufgaben. - Als ich etwa dreizehn Jahre alt und das Pult mir zu klein geworden war, „entdeckte" ein Anzeigenkunde dieses Pult; es gefiel ihm, und er fragte, ob er es erwerben könne. Meine Mutter stimmte zu. Der Käufer war ein deutsch-jüdischer Textilhändler aus Konstanz: Ich erinnere mich: Es war ein überaus liebenswürdiger, freundlicher, stattlicher Mann, dem wir seinen Kaufwunsch nicht gern abschlagen wollten.

Heute, Jahrzehnte später, frage ich mich immer wieder: Wie war es damals möglich, dass sich ein deutscher Jude so anscheinend ohne Unsicherheit und Beschädigungen in seiner arischen Umgebung verhalten konnte?

Ernst Bloch und „die blühenden Lenden der Geliebten"

Mein bewegendstes Erlebnis als Student in Tübingen in den Jahren 1963-65 war es, den marxistischen Philosophen Ernst Bloch zu hören und zu sehen. Bloch war noch nicht lange, ich glaube, seit 1962, in Tübingen. Als ich nach Tübingen kam, hatte ich die Schlagworte „Jude, Kommunist, DDR..." im Ohr. Ich wollte mir also diesen ungewöhnlichen Typ ansehn – und war von Stund an hingerissen.

Ich gehörte dann zu den ERSTEN Tübinger Philosophie-Studenten (im Wintersemester 63/4), die ohne sogenannte Philosophicums-Prüfung Blochs Oberseminar besuchen durften; Ort: das Universitätsgebäude an der Stiftskirche, aus dem 18. Jahrhundert („Alte Aula"?).

Ich habe nie vergessen, wie Bloch in dem altertümlichen, bescheidenen Seminarraum saß, aufmerksam zuhörte, während er seine Pfeife stopfte, wie er bedächtig oder engagiert Fragen beantwortete. Ich habe nicht vergessen, wie Bloch für seine Vorlesungen langsam und gebeugt den größten Hörsaal der Uni betrat, gebeugt ans Katheder schritt, wie er sich aber DANN aufrichtete und mit einem unvergleichlichen Feuer zu reden begann. Es kam auch vor, dass er ein Märchen erzählte und es philosophisch auslegte.

Einige Sätze aus dem „Geist der Utopie" rühren mich bei jedem Lesen erneut beinah zu Tränen: „Nichts kann völlig falsch sein oder vom Weg abführen, wohin eine Frau mitging, hineinsah, was sie bekränzte, was sie hell vorausfühlte, was ihre tiefere Phantasie erregte, worin sie sich adäquat widerhallend gefunden hat; und wenn jener französische Gesandte den Utrechter Frieden auf den blühenden Lenden seiner Geliebten unterzeichnete, so ist dieses eine frivole, aber in allen höheren Situationen völlig parallel wiederkehrende Allegorie der Schutzes-, Besiegelungs- und Symbolkraft weiblicher Sinnlichkeit, Hingebungsevidenz aller Entscheidung gegenüber schlechthin. Drei Dinge sind es, sagt Mohammed, die mich beständig mit Andacht erfüllen: die Wohlgerüche, die Frauen und der Trost meiner Augen im Gebet; - womit in so völlig anderer, mystisch naher Gegend umarmt wird, was Kant dem bestirnten Himmel und dem moralischen Gesetz überwies."

Später sah ich manches bei Bloch „kritisch". Auch jene Glorifizierung der Frauen kann so 1:1 sicher nicht übernommen werden, aber sie darf als poetischer Ausdruck von Begeisterung für das weibliche Geschlecht stehen bleiben. – Mich störte auch schon früh Blochs Anhimmelung des Stalinismus. Aber alle Einwände können meine Bewunderung für diesen aus dem Alten Testamt wiederauferstandenen Propheten nicht beenden. – Inzwischen denke ich auch, dass jenes Lob der Frauen, die ihren Geliebten „durch dick und dünn" begleiten, wohl ein schöner Mythos ist. Es gibt mehrere Diktatoren mit hingebungsvollen Freundinnen. Es wäre Blödsinn, wollte man die grausamen Taten dieser Typen durch die Hingabe-Haltung ihrer Frauen als gerechtfertigt ansehen. Aber damals und lange danach gefiel mir jener Satz Blochs einfach sehr.

Man könnte sagen: Der Übergang meines Studienorts von Tübingen (über München) nach Frankfurt und „von Ernst Bloch zu Theodor W. Adorno" entsprach einem in diesen Lehrern ausgedrückten Wandel meiner eigenen Einstellung zur Welt, von einem erstaunten, ungläubigen Optimismus zu einem – zeitweiligen (und vielleicht am ehesten durch die Studentenbewegung unterbrochenen) - Kulturpessimismus. Lukacs würde auch meinen Lebensstil und meine Gedanken (wäre ich denn bekannt) in der Art kommentieren, in der er Adorno-Horkheimer boshaft elegant abtat als „GrandHotel Abgrund".

Askenase und Harasiewicz - oder Das ideale Klavierspiel

In meiner Tübinger Zeit (63/54) besuchte ich (per Bus) ein Konzert der Opernsängerin Maria Callas in der Stuttgarter Liederhalle. Ich habe heute keine Erinnerung mehr an dieses Konzert – außer, dass viele Leute im Saal waren.

Besser erinnere ich mich da an zwei KLAVIERkonzerte in Tübingen, eines von Stefan Askenase, eines von Adam Harasiewiz. Beide Pianisten wurden angekündigt als geniale Musiker. Askenase war ein seit Jahrzehnten bekannter Interpret (kurioserweise fehlt er in Joachim Kaisers Sammlung großer Pianisten der Gegenwart). Harasiewicz stand am BEGINN seiner Karriere, er war etwa dreißig und damals gerade frischgekürter Sieger des Warschauer „Chopin"-Wettbewerbs. Harasiewicz wie Askenase interpretierten Kompositionen von Chopin. Bei Harasiewicz hatte ich den Eindruck, der Klaviertransporteur habe das Klavier grade mal in der Tübinger Uni-Aula abgestellt und sich jetzt auf den Drehstuhl davor gesetzt. - Askenase hingegen, ein älteres, grauhaariges, gebeugtes, dünnes Männlein, spielte fast ganz ohne Pedal, perlend leicht, dass man die Empfindung hatte, man höre jeden Ton einzeln. Das einzige, was man im Saal außer diesem perlenden Klavierspiel hörte, war ab und zu ebenfalls der Pianist: Er zog, von seinem eigenen Spiel gerührt, immer wieder mal ein Nasentröpfchen (bis in die Saalmitte gut hörbar) hoch. – Seit diesen Konzerten habe ich meine benennbaren Klavierspiel-Ideale. – Stefan Askenase hatte das Dritte Reich außerhalb Deutschlands überleben können.

In mein Zeitungsbüro kam in den Neunziger Jahren eine Jüdin, die im Raum Ehingen lebte. Sie hielt zeitweilig in Schulklassen Vorträge über jüdische Religion und jüdische Rituale. Begleitet war sie von einem hochbetagten Bekannten aus Antwerpen. - Frau X stand in Briefwechsel mit der damals noch lebenden bekannten Schriftstellerin Salcia Landmann und mit der Witwe des deutschen Anarchisten Erich Mühsam (der 1933 von Nazis ermordet wurde).

Ein Israeli war Mieter in unserem Haus am Marktplatz

Eine Reihe von Jahren war ich Vermieter für Herrn A. H., Masseur und Krankengymnast. Er führte in einem Gebäude am Marktplatz eine Praxis. – Als sich Herr H. für die Anmietung interessierte, fragte er mich: „Haben Sie ein Problem, weil ich Jude bin?" Ich konnte nur antworten: „Nein."

Herr H. hat wie die meisten Juden in Europa während des Dritten Reichs mehr als genug Schlimmes erlebt.

Unser Reiseleiter in Israel

Auch zwei jüdische Israeli kenne ich etwas näher. Ich lernte sie bei einer Israel-Reise 1994 kennen. Einer war David Erez. Er verdiente sein Brot, indem er in Israel Reisegruppen aus Deutschland durch seine (zweite) Heimat führte. Erez („Land" – Land Israel, so nannte er sich in Israel. Er anerkannte, dass Deutsche als Touristen nach Israel kamen und dass sein Land von diesen Gästen profitiert; er sah diese Situation positiv. Wichtig war hier sicher auch, dass der deutsche Organisator dieser Israel-Reisen, der damalige evangelische Pfarrer von Munderkingen, Zeeb, ein Garant dafür war, dass die Teilnehmer durchweg manierliche Leute waren.

Pfarrer Zeeb holte immer wieder Referenten aus Israel nach Munderkingen. Unvergessen ist mir ein Abend (so um 1990) mit Frau Schwarz-Gardos, der Herausgeberin oder Chefredakteurin der letzten deutsch-sprachigen Zeitung in Israel, eine jener vielen bewundernswerten, so angenehmen wie freundlichen und gebildeten Jüdinnen. Von ihr erwarb ich damals eine Autobiographie und Jahre später (2005) eine Sammlung mit Aufsätzen, die sie herausgab.

Von Ravensburg nach Nahariya

David Erez führte uns bei der Israel-Rundreise auch nach Nahariya,  genauer: zu dem in der Nähe liegenden Moschav „Shave Zion". Dort begleitete uns ein lebhafter älterer Herr, Mosche (?) Erlanger. Er flüchtete als 12-jähriger von Ravensburg aus (in dessen Nähe sein Vater ein großes landwirtschaftliches Gut leitete), Ende der 30 Jahre nach Israel. Er fasste Fuß in der Gemeinschaftssiedlung von ausgewanderten Rexinger Juden, „Shave Zion" – Heimkehr nach Zion.

Erlanger war eine imponierende Persönlichkeit, das lebende Geschichtsbuch des Moschaw, der die verschiedenen, einander folgenden Versuche der Gemeinschaftssiedler, wirtschaftlich zu überleben, munter und amüsant schilderte. Das begann mit einfacher Landwirtschaft, im Schutz von Wachtürmen (gegen Überfälle durch Palästinenser). Die Rexinger Juden bauten im Lauf der Jahre als Gemeinschaftseigentum einen Hof mit tausenden von Kühen auf; ihre Zucht galt weltweit als beispielhaft. In Israel, diesem trockenen, grasarmen Land, war aber bei zunehmender Konkurrenz auf dem Weltmarkt mit Viehzucht immer weniger Staat zu machen. So versuchte man, mittels einer neu errichteten Plastik-Firma zu überleben. Der Plastik-Bearbeitung folgte der Bau eines Hotels und die Ausweitung des Angebots auf Touristenbetreuung.

David Erlanger erzählte, dass seine Familie (Ehefrau, Kinder, Schwiegerkinder) einen Flickenteppich bildeten, mit Herkunft aus mehreren Ländern; daher sei die Landessprache Iwrith ein gutes Verständigungsmittel, Iwrith bevorzuge keine der Herkunfts-Sprachen vor einer anderen.

Die Buchauer Erlanger sind ganz andere Erlanger

Bei einem eher zufälligen Besuch des Buchauer Judenfriedhofs NACH jener Israel-Reise sahen meine Frau und ich dort zahlreiche Gräber mit dem Namen Erlanger. Wir dachten: „Das sind Verwandte unseres schave-zion‘schen Führers, zumal Erlangers Heimatort Buchau zum Rabbinat und Friedhof Buchau gehörte." - Ich fotografierte einige Dutzend dieser Gräber und schickte die Abzüge und Negative an Herrn Erlanger. Der bedankte sich freundlich, teilte freilich mit, dass er keinerlei Verwandte auf dem Buchauer Friedhof ruhen habe; er habe die Fotos aber einer Forschungsstelle zur Geschichte des Judentums weitergegeben. – Wieder einige Jahre später, Anfang des neuen Jahrtausends, kam Erlanger zu einem Symposium im neuen jüdisch-christlichen Museum in Laupheim. Hier hörte ich ihn vortragen, wagte aber nicht, den nun doch sehr gealterten, hinfällig wirkenden Senior anzusprechen. Das Erlebnis „Erlanger" beeindruckte mich so tief, dass ich damals beschloss, mein Leben zu ändern, und DAS MEHR zu tun, was ich GERN tun möchte, zudem: SO zu sein, wie ich BIN und mich nicht mehr den Anpassungswünschen aus der eigenen Familie unterzuordnen. Jahrelang hatte ich auf meinem täglich zu inspizierenden Terminkalender im Geschäft einen Hinweis auf meine in Laupheim gewonnene Erkenntnis und meine Absicht. – Aber ich war damals wegen der vielen täglichen, unaufschiebbaren Zeitungsarbeit nicht imstande, das Ruder herumzuwerfen. – Einer der Gäste dieses Symposiums war der in London lebende Historiker Walter Laqeur.

Pinchas Lapide und seine Frau

Das (wohl erst nach dem Dritten Reich geschaffene) Koppelwort „jüdisch-christlich" weckt eine weitere Erinnerung. Ich hörte und erlebte mit Uli in der Ichenhauser Ex-Synagoge (und im Bildungshaus Heiligkreuztal bei Riedlingen) den jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas Lapide und seine Frau. – Letztere gefiel mir in ihrer herzlich-spontanten Art besser als der fast pedantische, steife, natürlich sehr gebildete Ehemann. – Nach dem Tod ihres Mannes setzte Pnina (?) Lapide diese Vorträge fort. Sie kam in den 90er Jahren von Frankfurt mehrfach in das Stefanus-Bildungshaus im einstigen Kloster Heiligkreuztal, 35 Kilometer westlich Ehingen.

Ein beispielhaft handelnder Ichenhauser Bürger, Moritz Schmid

Mit dem Organisator der Ichenhauser Synagogen-Renovierung und dem Organisator vieler Kontakte seiner Heimatstadt zu einstigen Ichenhauser Juden in aller Welt, mit einem sehr angenehmen Mann namens Moritz Schmid (kein jüdischer Deutscher, sondern christlicher Deutscher, aber wegen seiner besonderen Haltung soll er hier gewürdigt werden) hatte ich jahrelang einen freundlichen Kontakt. Er schien sich zu freuen, dass seine Bemühungen um die Pflege jüdischer Kultur in Ichenhausen dis in dem fünfzig Kilometer entfernten Ehingen registriert und Veranstaltungen des Ichenhauser Förderkreises in der Ehinger SZ angekündigt wurden. (http://www.obermayer.us/award/awardees/schmid-ger.htm) Moritz Schmid stammte aus einer gegenüber dem Nationalsozialismus distanzierten Ichenhauser Familie und war nach dem Krieg Bürgermeister von Ichenhausen gewesen. Er setzte sich dafür ein, dass Anfang der 50er Jahre die baufällige einstige Synagoge der jüdischen Gemeinde nicht abgerissen, sondern von der Stadt gekauft und solange als Feuerwehrhaus genützt werde, bis die Gemeinde genügend Geld haben würde, sie wieder herrichten zu lassen und ihrer alten Bestimmung zuzuführen. So jedenfalls schreibt der aus Ichenhausen stammende, 1916 dort geborene Arnold Erlanger, der KZ und Todesmarsch überstanden hat, 1950 nach Australien auswanderte, zu jenem Zeitpunkt in Melbourne wohnhaft. Erlanger beantragte den obengenannten Obermayer-Award für Moritz Schmid. Dieser ist im August 2000 81jährige gestorben. - Die Synagoge wurde 1987 als Museum zur Geschichte der schwäbischen Landjuden wieder eröffnet und seitdem von über hunderttausend Menschen besucht.

Bis zu jener Laudatio für Moritz Schmid  hatte ich die feuerwehrmäßige Nutzung der Synagoge (derlei gab es auch anderswo) immer als üble Behandlung jüdischer Reste auch nach dem Dritten Reich angesehen, nun wird mir das in ein anderes, erstaunliches Licht gerückt, von jemand, dem ich aufgrund seiner Herkunft eigentlich glauben muss.

Zwei jüdische Freunde der Studentenzeit

Ja, nun erinnere ich mich an eine weitere mir bekanntgewordene Jüdin und an die jüdischen Bekannten meiner Studentenzeit. Letztere waren Gabriel (Gabi) Schachtel und sein Bruder Michael (?) Letzterer starb früh, mit etwa dreißig Jahren, an Herzproblemen. Mit ihm zusammen hatte ich in den Tagen nach dem Attentat auf Benno Ohnesorg am Frankfurter Hauptbahnhof Flugblätter verteilt. - Gabi Schachtel sittete einige Male in unserer Wohnung an der Frankfurter Hammanstraße unsere kleine Tochter. Jahrzehnte danach suchte ich mit einiger Mühe nach Gabi Schachtel. Er war meines Erinnerns während seines Mathematik-Studiums in Giessen Mitarbeiter eines Mini-Verlags („Anabas"?) geworden. Ich wandte mich per Mail an diesen Verlag; aber dort war der Name unbekannte. Ich tat auch eine e-mail-Adresse eines Herrn Schachtel in einem Gießener Uni-Institut auf, aber mein Brief kam vielleicht nie zum Adressaten und blieb ohne Antwort.

Ein ungewöhnlich lustiger und durch seine Kleinheit und seine runden Brillengläser auffallender Philosophie-Student des Jahres 1966/7 hieß Stefan Cobler. Auch ihn verlor ich aus den Augen. Stefan Cobler hatte mir wegen seiner Fröhlichkeit und Herzlichkeit sehr gefallen. (Cobler, so erzählte mir später mein einstiger Asta-Vorsitzender Birkholz, wurde Jurist in Darmstadt; er starb bereits als jüngerer Mann, in den 80ern). – Eine wunderbare Ausgabe von Briefen jüdischer Deutscher an christliche Deutsche stammt von dem das Dritte Reich in England überlebenden Franz Kobler (mit K!): "Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten". Königstein/Taunus, Jüdischer Verlag Athenäum 1984

Eine Buttenhauser Jüdin sucht die einstigen Knechte ihres Vaters

Welche jüdischen Bekannten hatte ich noch?  - Da sind außer den bereits erwähnten Personen und außer meinen jüdischen Lehrern Bloch, Adorno, Horkheimer auch der damalige Studentenführer und spätere Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit in seiner frühen Frankfurter Zeit zu nennen, vor allem aber eine Buttenhauser Jüdin, Liesel Löwenthal. Sie war als junges Mädchen Ende der 30er Jahre von ihren Eltern in die USA geschickt worden. Das war für SIE die Lebensrettung. Die Eltern, wenn ich mich recht erinnere, wurden wie viele andere Buttenhauser Juden ermordet.

Lisl Löwenthal, New York, bei einem ihrer Besuche in der alten Heimat Buttenhausen im Lautertal, vor der Gedenktafel für die jüdischen Bürger der Gemeinde, die vom Dritten Reich vernichtet wurde. Foto: Veit Feger

Liesel Loewenthal lebte ihr weiteres Leben in New York, heiratete dort und kam – vermutlich in den 70er oder 80er Jahren - erstmals wieder, infolge einer Einladung der Stadtverwaltung Münsingen (wohin Buttenhausen eingemeindet worden war) - in die heimatliche Lautertalgemeinde. Ihr Elternhaus stand noch; es war nach wie vor: ein für das eigentlich arme Alb-Dorf sehr repräsentatives Gebäude, wohl das vergleichsweise reichste Gebäude im Dorf, stattlich, aber ohne Prunk. Der Vater war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein weitum tätiger Vieh-, insbesondere Pferdehändler gewesen. Er kam auch viel auf den damals weitum wichtigen Munderkinger Viehmarkt. - Bei meiner Lektüre von Ehinger Zeitungsbänden der zwanziger Jahre war ich auf Anzeigen des Buttenhauser Viehhändlers gestoßen, Anzeigen, in denen er um Kunden für seinen Munderkinger Marktauftritt warb. - Ich hatte die New Yorker Adresse von Liesel Löwenthal - von, wenn ich mich recht erinnere, meinem damaligen Zeitungs-Mitarbeiter Kurt Efinger. Ich schickte Fotokopien dieser Zeitungsanzeigen an die New Yorker Adresse. Die Adressatin freute sich sehr. Vermutlich hatte sie aus dieser Zeit kaum oder keine Dokumente zur Berufstätigkeit ihres Vaters. Aus dieser Anzeigen-Sendung entstand ein freundlicher, sich über mehrere Jahre erstreckender Briefwechsel zwischen Frau Löwenthal und mir.

In der Folge sah ich Liesel Löwenthal, eine kleine, hagere, unscheinbare, freundliche, sehr bescheidene ältere Frau, in Buttenhausen bei einer Gedenkveranstaltung, zu der damals von weither Buttenhausen-stämmige Juden eingeladen worden waren. Ich durfte Frau Löwenthal auch eine Bitte erfüllen: Ich fuhr sie einen Nachmittag lang per Auto zu mehreren Bauernhöfen im Raum Ehingen, zu Höfen, von denen einstige Knechte ihres Vaters stammten. Liesel (sie wollte mit dem Vornamen angesprochen sein) kannte die Namen der Knechte und die Herkunftsorte. Viel Erfolg hatten wir bei dieser Such-Fahrt freilich nicht, die meisten der erwünschten Personen waren bereits gestorben, aber Frau Löwenthal und ich saßen bei dieser Suchfahrt eben einige Stunden zusammen in meinem Auto und unterhielten uns.

Liesel erzählte mir, dass sie von jetzigen Buttenhausern recht verschieden empfangen wurde. Einige sagten. „Schön, dass du wieder da bist, zieh wieder nach Buttenhausen!"; andere sagten aber auch: „Was tust denn duuu hier?! Du hast hier nichts mehr zu suchen!"

Noch mehrere Jahre lang erhielt ich von ihr selbst - und nach ihrem Tod sogar von einem Angehörigen zuerst aus New York, später aus Florida - herzliche Neujahrsgratulationsbriefe. Leider pflegte ich aus beruflicher Eingespanntheit diese Beziehung zu wenig.

Da fällt mich noch ein: Liesel erzählte mir, in New York habe es während und nach der NS-Zeit viele Jahre lang einen Buttenhauser Stammtisch gegeben.

Und nun fällt mir auch ein: Ein studierter Betriebswirt aus Dettingen/Erms hat jahrzehntelang Führungen auf den Spuren der Buttenhauser Juden veranstaltet; ich kündigte sie jedesmal wohlwollend in der Ehinger Schwäbischen Zeitung an. Randecker hat auch über den aus Buttenhausen stammenden späteren Reichsfinanzminister Erzberger geforscht.

Eine namensgleiche jüdische Autorin

Es gibt übrigens eine Autorin mit dem Namen Lise Loewenthal, die das Dritte Reich in Israel überlebte und nach dem Dritten Reich mit ihrem italienisch-jüdischen Mann in Italien lebte. Sie war Jahrgang 1922 und damit nur wenig jünger als die Liesel aus dem Lautertal, sie stammte aber aus einer westfälischen Stadt. Sie hat eine romanhafte Autobiographie („Shalom, Ruth, Shalom") und mehrere Romane verfasst (in den 70er/80er Jahren).

Ein Nachtrag: zur Erinnerung an die jüdische Vergangenheit des Dorfs Buttenhausen

Noch ein wenig zur Pflege der Erinnerung an Juden, die mit Buttenhausen zu tun hatten. - Bei einem Besuch des Dorfs im  2006 sehe ich etwas (für uns) Neues, eine Art Denkmal für jene (meist älteren) jüdischen Deutschen, die ab 1940 nach Buttenhausen aus anderen deutschen Gemeinden zwangsumgesiedelt wurden, hier erbärmlich lebten und dann ab 1942 abtransportiert wurden. Nicht von allen, aber von einigen Dutzend dieser Menschen konnten Jahrzehnte danach die Namen ermittelt werden.. - Das Denkmal für sie, errichtet im Jahr 2000, besteht aus lauter eisernen Pflöcken, auf die die Namen dieser nicht aus Buttenhausen stammenden, sondern nur hier her zugewiesenen und später umgebrachten jüdischen Deutschen – soweit bekannt – verzeichnet sind.

Um die Errichtung dieses "Denkmals" kümmerte sich ein in Reutlingen lebender Folksänger, Thomas Felder, der in Hundersingen, einer Nachbargemeinde von Buttenhausen, als Sohn des evangelischen Pfarrers in den 5oer/60er Jahren aufwuchs und in seiner Kindheit und Jugend in dieser Nachbargemeinde immer nur "um den Brei" rumreden hörte, aber nix genaues über die Buttenhauser Juden und ihre Schicksale erfuhr, bis er, erwachsen, sich kundig machte. -. Auf seiner Website http://www.thomas-felder.de/biogr.htm schildert er die nicht gerade einfache, nicht gerade unbehinderte Entstehungsgeschichte dieses weiteren jüdischen Denkmals in Buttenhausen (Bis dahin gab es in Buttenhausen nur eine "Verewigung" der Namen jener jüdischer Deutschen, die aus dem Ort selbst stammten). Allem nach half, wie ich später erfuhr, auch mein Reutlinger Bekannter, der vielfältige Buchautor Hellmut Haasis bei der Errichtung des neuen Denkmals mit.

Eine israelische Sängerin verliebte sich in einen Deutschen...

In Buttenhausen trat bei Auftritten von Thomas Felder auch öfters seine israelische Freundin Revital Herzog auf, die Uli und ich im Juni 2006 bei einem Konzert in Zwiefalten hörten (sie war 22 Jahre früher, 1984, aus Liebe zu einem "regulären" Deutschen nach Deutschland gekommen und wollte eigentlich im auf dieses Konzert  folgenden Herbst, 2006, nach Israel für immer zurückwandern. Das kündigte sie in Zwiefalten an. Aber vermutlich wegen des Libanon-Kriegs hat sie diesen Rückwanderungsplan, wie ich im Internet feststelle, aufgegeben. –  - Dieser Tage (September 08) hörte ich bei einer Veranstaltung im Rahmen der jüdischen Kulturtage im Aterlier Glaser in Attenweiler (Kreis Biberach) die Gruppe „Aljama“ mit sephardischer Musik. Ihr  Gründer, Sänger, Arrangeur ist ebenfalls ein Israeli, den eine private  Neigung  schon vor langem nach Deutschland geführt hat.  Er wohnt in Tübingen. Nun fällt mir ein: Dort gibt es ja noch eine weitere Gruppe, die jüdische Musik macht, vorwiegend Klezmer, um den aus Israel eingewanderten Musiker Chaim Langer. Ich habe ihn mehr als einmal mit seiner Gruppe „Jontef“ musizieren gehört. Per Bücher  und Fernsehen ist mir seine Mutter ein verehrungswürdiger Mensch.

Ich führe einen Juden aus Odessa zu jüdischen „Roots" in unserer Gegend

Ich besuchte einige Male in meinem Leben den jüdischen Friedhof von Buttenhausen im Lautertal. Sicher war ich hier im Jahr 1989, als wir unserem russischen Bekannten Wolodja Baum diesen Friedhof zeigten. Wolodja war bei seinem damaligen kurzen Deutschland-Trip auf der Suche nach seinen"Roots", nach den jüdischen Wurzeln. – In meinen "Erinnerungen" notierte ich über ihn: "Wolodja aus Odessa war nicht beschnitten, sein Vater war Atheist, aber sein einer Großvater war noch gläubiger Jude gewesen; und Wolodja selbst wollte auf jeden Fall mehr vom Judentum wissen.

Ich Philosemit wollte unserem odessaer Gast bei seiner Suche nach Kenntnis von den jüdischen Wurzeln ein wenig helfen. So fuhr ich mit ihm an einem Wochenende 1989 zu mehreren jüdischen Zielen: zum Stuttgarter Landesrabbinat, zu den jüdischen Friedhöfen in Laupheim, Buchau und Buttenhausen. - ....Wolodja kam wenige Jahre später für immer in den Westen. Er wollte aber, als Pazifist, nicht nach Israel, sondern studierte an der Heidelberger Hochschule für die Wissenschaft vom Judentum; er erhielt einen Arbeitsplatz bei den jüdischen Gemeinden Hannover und Emmendingen / Baden. Einige Jahre NACH der vorgenannten Roots-Fahrt zum Stuttgarter Rabbinat und zu den  jüdischen Friedhöfe meldete sich Wolodja plötzlich für einen kurzfristig angesetzten Besuch bei uns. Er wollte nach Konstanz fahren und uns auf dem Vorbeiweg besuchen. Er kam, wir fuhren  gemeinsam in ein Thermalbad. Dann hörte ich nichts mehr von ihm. Kontaktbemühungen verliefen im Sand. Im September 2009 fällt mir im Programm der Jüdischen Kulturtage der Name „Wladimir Itamar Baum“ auf: Mein einstiger Bekannter hält im Rahmen dieser Tage einen Vortrag in Emmendingen. Er scheint als Lehrer für Jüdisches an der Uni Freiburg zu arbeiten und er dichtet auf Hebräisch; im Internet lese ich, in Odessa hätten einst wichtige jüngere hebräische Dichter gelebt, gewissermaßen Vorbilder für die philosophische Dichtung Itamar Baums.

Wie ich Wolodja Baum kennenlernte

Wie hatten wir uns kennengelernt? - Es war Sommer 1989. In dem Schelklinger Teilort Hausen ob Urspring gab es damals - ungewöhnlich für unsere Gegend – ein linksgestricktes Tagungsheim, geführt von ehemaligen Studenten.– Ein Verantwortlicher dieser Jugendherberge mit höherem Anspruch rief mich damals an und bat: Ich möge in der Tageszeitung einen Aufruf mit der Bitte veröffentlichen: Studenten aus Odessa seien gerade hier und sollten ein wenig Deutschland kennenlernen; es wäre schön, wenn Familien aus der Umgebung von Hausen Einzelne aus der etwa zwanzigköpfigen Gruppe für ein Wochenende aufnehmen, damit sie deutsche Lebensweise kennenlernen. – Ich veröffentlichte den Aufruf und sagte mir: „Ich sollte nicht immer nur sinnvolle Bitten an andere weiterreichen, sondern auch selbst mal eine Bitte erfüllen." Ich erklärte mich gegenüber der Heimverwaltung bereit, zwei „Russen" (genauer: zwei Ukrainer) für ein Wochenende zu uns aufzunehmen. Mein Wunsch an die Heimleitung: Die beiden sollten einigermaßen Deutsch können. - Ich hatte bei dieser Sprach-Forderung den Hintergedanken, dass ein Jude dabei sei, weil ich annahm, dass am ehesten russische JUDEN Deutsch sprechen können. Meine Annahme traf zu. - Ich erhielt von der Heimleitung zwei Odessaer zugewiesen und holte sie in Hausen ab. Es waren dies Wolodja (Koseform für Wladimir) Baum und Jurij Lishchenko. Der eine sah so aus, wie ich mir einen fröhlichen, lebhaften, zugleich wohlerzogenen russischen Bauernbub vorstellte, der andere ähnelte einem Rabbi, groß, dürr, vornübergebeugt gehend, so, als sei er grad mit eine schwierigen theologischen oder moralischen Frage befasst. - Der Nachname „Baum" erschien mir als Hinweis auf mögliche jüdische Abstammung. Ich wusste, dass der Gründungsdirektor des Ulmer Museums, Julius Baum, jüdischer Herkunft war. Dieser Julius Baum war in den 20er Jahren zugleich einer der ersten großen Erforscher der schwäbischen gotischen Kunst – eines ja sehr CHRISTLICHEN „Erzeugnisses". - Wie sich herausstellte, war Wolodja eigens nach Deutschland gekommen auf der Suche nach seinen jüdischen Wurzeln.

Michael entdeckt seine jüdische Herkunft

(Winter 06/07) Anruf aus Berlin. Von einem etwa Vierzigjährigen, der 24 Jahren früher ein Jahr lang mein freier Mitarbeiter war. Zu meiner wiederholten Verblüffung hat er eine sehr gute Erinnerung an mich und nimmt zu meiner Freude immer wieder mal freundlichen Kontakt mit mir auf. Derzeit sind seine Berufe: Verwaltungsrichter und Lehrbeauftragter an einer Juristen-Schule.  

M erzählt mir eine Geschichte, deren Aufdeckung Jahre währte und viel Zeit kostete, aber auch höchst überraschende Ergebnisse zeitigte. – Seine Mutter ist das Kind eines deutschen Besatzungsoffiziers während des Zweiten Weltkriegs in Italien und einer jüdischen Florentinerin. Diese Herkunft wollte der deutsche Vater kaschieren. Jedenfalls ließ der Ex-Soldat nach Krieg und Drittem Reich seine Tochter streng katholisch in einem Internat erziehen. Die Mutter dieses Mädchens kam ums Leben, wahrscheinlich infolge der NS-Rassenpolitik.

Ich bitte M., die Geschichte der Aufschlüsselung seiner Herkunft mütterlicherseits ausführlich darzustellen. Er will das tun.

Frankfurter Rundschau. Meine Frau weist mich auf einen Bericht über einen polnischen Skinhead hin, der als 23jähriger erfährt, dass er eigentlich jüdischer Abstammung ist. Er wird daraufhin in einem mehrjährigen Vorgang zum religiösen tätigen Juden. – Seine Begründung für die Konversion: Der Mord an seinen Vorfahren im Dritten Reich wäre um seinen geschichtlichen Sinn gebracht, wenn er die Religion der Vorfahren missachten würde. – Ich denke: Seine Eltern hatten ihm alle Informationen über seine jüdische Herkunft verschwiegen und ihn streng katholisch erzogen, damit er so wenig jüdisch wie möglich sei (und so vor Verfolgung geschützt).

Dieses Leben erinnert mich sehr an meinen Freund M. Ich schicke ihm den Zeitungsausschnitt.

Wie man sich zum KZ-Aufenthalt und zum lieben Gott stellen kann

Auf verschiedenen Wegen bin ich zu dem Thema "Nach den KZs" gekommen. Es gibt meines Empfindens massive Unterschiede in der Art, wie KZ-Überlebende sich zu diesem zentralen Erlebnis stellen, je nachdem, ob sie Christen oder Juden sind. Christen loben Gott, dass er sie errettet hat, sie spenden Messen und errichten Denkmale als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber Gott. – JUDEN schämen sich, dass sie überlebten: Sie sagen: Die moralisch Besseren sind gestorben. Überlebt haben wir, jene mit den Ellenbogen. (Sehr deutlich sagt das der jüdisch-italienische KZ-Überlebende, Chemiker und Schriftsteller Primo Levi).

Die US-Holocaust-Museen stammen nicht von "Amerikanern",  sondern von "JÜDISCHEN Amerikanern"

Ich besuche in Ulm eine Ausstellung über sogenannte Displaced Persons, Menschen ohne Heimat nach dem Dritten Reich in Deutschland und in den nach-faschistischen Anliegerstaaten Österreich und Italien. Die Ausstellung im Ulmer Stadthaus an der Wende zum Jahr 2007 wurde vorbereitet von einem Museum und seinem Trägerverein in Long Island bei New York, einem Museum zur Erinnerung an den Holocaust. Bisher hatte ich immer gedacht: Reguläre US-Amerikaner (Arier – smiley) initiierten solche Museen in den USA; ich dachte dann auch: Warum machen sie nicht Museen für den Holocaust der INDIANER?

Bei dieser Ausstellungseinheit aus den USA derzeit in Ulm merke ich, dass solche Museen in den USA von europäischen, vorwiegend deutschen und polnischen Juden, auch italienischen, französischen, niederländischen JUDEN, errichtet wurden und getragen werden. Ich verstehe: Diese Menschen in den USA erinnern sich an ihre eigene Geschichte, sie möchten nicht, dass diese Geschichte vergessen wird - ein berechtigter Wunsch. Oft erst nach langer Zeit des Vergessens, der Integration, vielleicht auch des finanziellen Erfolgs haben sie die Kraft, sich an die Grauen der NS-Zeit zu erinnern, an Grauen, verbunden oft mit dem Verlust vieler Verwandter, zumindest aber jahrelanger Trennung von ihnen. Das "Holocaust Memorial and Educational Center of Nassau County (USA)", von woher die derzeitige Ulmer Ausstellung stammt, hat eine Website, auf der jene Survivers, jene „Überlebenden", die mit dem Museum zu tun haben und dort auch Vorträge halten etc., mit Bild und kurzem Lebenslauf vorgestellt sind. Nun begreife ich.

Meist vergessen: Displaced Persons

Die Ausstellung über Displaced Persons im Raum Ulm, Neu-Ulm macht mir etwas deutlich, was üblicherweise wenig bekannt und oft vergessen ist: Millionen Menschen hielten sich direkt nach dem Krieg in Deutschland und Österreich auf, Arbeitssklaven, KZ-Überlebende, Soldaten, die Verfolgung in ihren Heimatländern zu befürchten hatten,  wie etwa sowjetische Soldaten aus der Ukraine etc. - Schon irre: Nach antijüdischen Pogromen 1946 im polnischen, erst zuvor von den russischen Soldaten befreiten Kjelce flüchteten anscheinend viele tausend nach dort zurückgekehrte oder irgendwie überlebende polnische Juden von dort vorwiegend nach Deutschland, ins Land der Verfolgung, und mussten hier auf die Einreiseerlaubnis nach Israel oder USA zum Teil jahrelang warten. Manche schafften den Absprung nicht, etwa die Familie der Münchner Schriftstellerin, Judaistin und Buchhändlerin Rachel Salamander, die ebenfalls aus einer DP-Familie stammt. Weil ihr Mutter – infolge KZ-Zeit – schwer krank war, durfte die Familie nicht nach Israel einreisen. So blieb die Familie halt in DEUTSCHLAND.

Keine persönliche Begegnung - Ausstellung Charlotte Salomon in Ulm

November 2006: Meine Frau weist mich darauf hin, dass im Ulmer Museum derzeit Arbeiten einer Charlotte Salomon ausgestellt sind, C. Salomon, 1917 – 1943: 280 Bilder aus insgesamt anderthalb tausend überkommenen. Von dieser Frau wurden diese Bilder während 18 Monaten hektisch gemalt, 42/43 an ihrem südfranzösischen Fluchtort. Im Herbst 1943 wurde die im 5. Monat schwangere Frau nach Auschwitz deportiert und dort wohl noch am ersten Tag ermordet. – Ihr damaliger Mann lebte in Auschwitz noch einige Monate lang und starb dann auch.

Salomons Bilder waren in Deutschland schon einmal in einigen Städten vor vierzig Jahren zu sehen (der damalige Organisator, später, wenn ich mich recht erinnere, Chef des Frankfurter Jüdischen Museums, schrieb für den Katalogband einen Aufsatz über diese erste Serie Ausstellungen).

Mir wie meiner Frau waren die Bilder und die Künstlerin bis dahin nicht bekannt.  Sie waren tief  beeindruckend: durch künstlerische Qualität, durch ihren teilweise comic-artigen Charakter, mit Worten drin und drumrum, aber auch mit Angaben, welche Musik aus dem „Klassischen“ Repertoire (Mozart, Schubert, Beethoven etc. etc.) zur jeweils gemalten Szene passen würde.

Beeindruckend sind diese Bilder auch dadurch, dass C. Salomon genau auf die Zeit in Deutschland damals eingeht, dadurch, dass sie ganz cool, ja manchmal fast locker-humorvoll von der Verfolgung, aber auch von familiären Seltsamkeiten spricht und malt (Ihre Mutter brachte sich um, als sie 9 Jahre alt war, dann, in Südfrankreich, ihre Oma, aus Angst vor den nach Frankreich einrückenden deutschen Soldaten, dazu kommen Selbstmorde weiterer Angehöriger.)– Als sich auch die Oma umgebracht hatte, erfuhr Charlotte von ihrem Vater , was in ihrer Familie bisher so alles an Selbstmorden „lief".

Der Vater war vor der Verjagung Chirurgie-Professor an der Uni Berlin; die zweite Frau ihres Vaters und damit Stiefmutter von Charlotte war die von ihr verehrte berühmte Sängerin Paula Lindberg. Die beiden Eltern überlebten das Dritte Reich im Untergrund in den Niederlanden (nach einer Flucht aus dem Deportationssammelpunkt). Die Stiefmutter starb erst vor wenigen Jahren im Alter von 103 Jahren. Im Ulmer Museum konnte man einen Film sehen, in dem ein Gespräch mit der fast hundertjährigen Frau festgehalten war: Paula Lindberg – präsent, souverän, witzig - Die Eltern erhielten bald nach dem Dritten Reich und nach dem Krieg die Bilder, die die Tochter gemalt hatte, von einem Arzt in Südfrankreich übergeben, dem Charlotte diese Bilder kurz vor der Deportation anvertraut hatte. - Die Eltern stifteten die Bilder dem Jüdischen Museum Amsterdam. – Zur jetzigen Ausstellungsserie in Deutschland (ab 2004, beginnend im Frankfurter „Städel", vergangenes Jahr in Chemnitz und Berlin), erscheint der erste umfassende Katalog zu C. Salomon, aus dem Prestel-Verlag, 2004, 480 Seiten Din à 4.)

Fällt mir grad ein: Der erste Geliebte von Charlotte (kommt auch in ihrer Bilder-Serie vor) war der Gesangstrainer der Mutter, Alfred Wolfsohn, ebenfalls ein ganz ungewöhnlicher Typ: Begründer einer eigenen Gesangstechnik, die er entwickelt hatte, weil er während des Ersten Weltkriegs die ihn verstörenden Schreie sterbender Soldaten gehört hatte (viel tiefer und höher, als man sie sonst aus dem Mund von Menschen hört). Wolfsohn entwickelte eine Technik für das Singen mit weit höherem Stimmumfang als üblich. Mehrere bedeutende Komponisten, unter anderem Stockhausen, komponierten in den 50er Jahren Stücke für Sänger à la Wolfsohn. Inzwischen scheint die von ihm entwickelte Sing-Technik in Vergessenheit zu geraten (http://www.stimmfeld.de/wolfsonhart.html - http://www.roy-hart.com/awe.htm

Ich schaute mir gar nicht mehr alle Bilder dieser Ausstellung in Ulm an, es war zu viel für mich.

Ein Aufsichtsmann, von uns befragt, wieviel Leute die Sonderausstellung anschauen, meint: „vielleicht zwanzig pro Werktag, vielleicht doppelt so viel am Sonntag, beschämend." - Nun, diese Bilder zu betrachten ist kein Genuss (klar: „Genuss“ sollte nicht die einzige Kategorie sein, unter der  wir Bilder betrachten).

Veit Feger

eMail:  Veit.Feger@t-online.de

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