Ein angesehener englischer Professor degradiert sich zum Lobredner für ein seltsames Buch

Um Adenauers Reputation zu retten, werden NS-kritische Studenten in die Neurotiker-Ecke geschoben


Ich befasse mich grade mit dem Thema "Vergangenheitsbewältigung" (ich verwende hier das Wort, ohne mich mit den Wortbestandteilen auseinanzuersetzen).
Ich schaue mir zu diesem Thema die bekannte und als Standard-Werk angesehene Adenauer-Biographie des deutschen Historikers Hans Peter Schwarz an. Mein Taschenbuch-Exemplar weist als Werbung auf der Rückseite Sätze aus einer Besprechung des Buchs aus der Feder des englischen Historikers und Politikwissenschaftlers Garton Ash auf.
Bei der Lektüre des Buchs über Adenauer wundere ich mich zunehmend, wie Garton Ash dieses Buch im Times Literary Supplement geradezu euphorisch loben konnte.
Ich schreibe einen Brief an G. Ash. Auch Wochen später habe ich noch keine Antwort erhalten. Nun stelle ich diesen meinen Brief auf meine Homepage.

An Prof. PhD Timothy Garton Ash
St. Antony's College, Universität Oxford

Betrifft: Ihre positive Bewertung der Adenauer-Biographie von Hans-Peter Schwarz im Times Literary Supplement, zitiert als Werbung auf dem Cover der deutschen Taschenbuch-Ausgabe

Verehrter Herr Ash

Ich habe meine Taschenbuch-Ausgabe der Adenauer-Biographie (dtv 1994) auch deshalb erworben, weil auf dem Buchrücken Ihre Empfehlung stand, aus Ihrer Rezension im Times Literary Supplement, übersetzt: „Ich bin ungeheuer beeindruckt…elegant, lebendig, voller Einsichten…. Die beiden Bände zeigen, was beste deutsche Gelehrsamkeit noch zu leisten vermag.“

Fabelhaft, dachte ich mir damals, beim Kauf.

Nun befragte ich diese Biographie kürzlich unter dem Aspekt „Drittes Reich und Aufarbeitung des Dritten Reichs“ und war verblüfft über das, was Schwarz da so schreibt.

Ohne jeden Zweifel: Das Buch ist ein Zeugnis großer Gelehrsamkeit und enormen Fleißes. Aber zugleich ist es eine Philippika gegen viele Kritiker Adenauers, eine Philippika, die ich im Blick auf die deutsche Geschichte der letzten sechzig Jahre für FATAL halte.

Mich hat seit meiner Studentenzeit (ich war unter anderem Hörer von Ernst Bloch, Theodor W. Adorno und Ralf Dahrendorf) die Wahrnehmung umgetrieben, wie unsäglich unbefriedigend man in Deutschland mit der deutschen NS-Vergangenheit umging. Das gilt nicht nur für die Bestrafung von NS-Kriminellen, sondern auch für die Verschweigung "brauner" Texte von Professoren, die nach 45 noch immer hochangesehen waren und gefeiert wurden; es gilt auch von der sogenannten Wiedergutmachung und von der Verdrängung jener Zeit in der verschiedensten Weise. In Deutschland meinten viele und einige meinen es immer noch: „Auschwitz ist ein Ort im fernen Polen, wir haben hier in unseren schönen deutschen Städtchen damit nichts zu tun.“

Als ich nun die Adenauer-Biographie aus der Feder von HP Schwarz las, wurde mir deutlich, dass eine Haltung, die die NS-Zeit verdrängt oder als nicht so schlimm einschätzt, sich sehr gut auf unseren angesehenen ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer berufen kann.

Ich finde es sehr unbefriedigend, wenn die Haltung Adenauers in puncto Drittes Reich so entschieden verteidigt wird wie von HP Schwarz, der - muss ich nun feststellen - nicht umsonst seit 1984 Mitglied des Vorstandes der Konrad-Adenauer-Stiftung ist, bis zur Gegenwart.

Aus der Diktion von HP Schwarz erschließe ich, dass es unnütz wäre, ihn auf dieses Thema anzusprechen. Aber von einem nicht-deutschen Kritiker hatte ich mir anderes in einer Rezension erwartet als so pralles Lob.

Nun kann es natürlich sein, dass Ihre Rezension im TLS vom deutschen Verleger nur unvollständig widergegeben wurde, aber der Duktus der oben zitierten Zeilen spricht nicht dafür.

Ich möchte im folgenden darlegen, welche Stellen in der Adenauer-Biographie mich empörten.

In einem Kapitel über Wahlkämpfe schreibt HP Schwarz: Adenauer empfing Generalfeldmarschall Kesselring, „der bis vor kurzem (1952) von den Briten als angeblicher Kriegsverbrecher eingesperrt worden war. Anfang Juli 1953 darf sich Generalfeldmarschall von Manstein im Bundeskanzleramt einfinden, um mit dem Wahlkämpfer über dessen Verhältnis zu den Soldatenverbänden zu sprechen.“

Adenauer besucht „das berüchtigte Gefängnis Werl, wo die Briten noch einige der von ihnen verurteilten Wehrmachtsangehörigen gefangen halten… Seit er selbst in Brauweiler einsaß, weiß er, wie Verurteilten zumute ist.“ - HP Schwarz argumentiert also sinngemäßt so: Weil der Nazi-Gegner Adenauer von den Nazis inhaftiert wurde, weiß er, wie sich (wegen ihrer NS-Nähe) Inhaftierte fühlen. Die Konsequenz aus einer solchen Argumentation kann eigentlich nur lauten: Inhaftiere keine NS-Täter!

„In Werl spricht Adenauer mit zwei Generalen, deren Schicksal die konservative Presse und die Soldatenverbände seit Jahren aufregt: mit Generaloberst von Falkenhorst und dem General der Waffen-SS Kurt Meyer. Beide seien ordentlich untergebracht, berichtet er dem Kabinett.“ S. 96. – Man stelle sich vor, welche Wichtigkeit für die Politik der Bundesregierung das Wohlbefinden zweier Generale hatte! Hat sich Adenauer jemals in dieser Form um das Wohlbefinden ehemaliger KZ-Insassen gekümmert, um das Schicksal von Desertierten etc.?

Die aus den Bundeskanzleramts-Akten belegbare Aussage, dass die beiden Generale „ordentlich untergebracht“ seien, widerspricht im übrigen der 12 Zeilen weiter oben zitierten Qualifizierung des Gefängnisses in Werl durch HP Schwarz als „berüchtigt“.

Wenn man sich die Tätigkeit der Waffen-SS im Dritten Reich anschaut, gerät Adenauer in ein ganz eigenartiges Licht.

Auf S. 527, im Kapitel „Die Gespenster der Vergangenheit“ wird die Einstellung des Autors Schwarz ganz deutlich: „Innenpolitisch hält Adenauer erst recht nichts vom neurotischen Dauergeschwätz über die NS-Vergangenheit… Mit nachträglicher Beschwörung der NS-Vergangenheit ist er schon deshalb recht zurückhaltend, weil er die Biographie seiner Landsleute viel zu gut kennt. Echte Widerstandskämpfer oder wenigstens NS-Verfolgte und –Benachteiligte sind in seiner engeren politischen Umgebung genau so selten wie in der gesamten Bevölkerung.“

Dem Autor Schwarz ist hier entgegenzuhalten: Es gab durchaus Widerstandskämpfer und NS-Verfolgte, sogar in Deutschland, aber sie waren in anderen Parteien und sie wollten partout nicht zu einer Partei gehören, deren Vorsitzender SS-Generale im Kriegsverbrechergefängnis besucht. Zudem: Viele NS-Verfolgte waren - damals sowieso - im Ausland und die allerwenigsten von ihnen wurden gebeten zurückzukommen. Wenn es Einladungen aus dem deutschen Sprachbereich an von den Nazis Verfolgte gab, die im Ausland überlebt hatten, dann kamen solche Einladungen eher aus der DDR (etwa an den damals in Palästina lebenden Autor Arnold Zweig oder den damals in den USA lebenden Philosoph Ernst Bloch, oder den Schriftsteller Bert Brecht).

Dass sich viele Verfolgte, denen im Ausland das Überleben gelungen war, nicht gern in die nach wie vor braun verseuchte Bundesrepublik FREIWILLIG zurückbegeben wollten, ist nur verständlich. Aber wo hätte Adenauer etwas getan, um die Verfolgten zurückzuholen???

Es wurden von der Bundesregierung keine Einladung an Geflüchtete ausgesprochen – und eine wichtige Voraussetzung dafür, dass eine Reihe Geflüchteter zurückgekehrt wäre, wäre eine ordentliche Strafverfolgung der NS-Täter gewesen.

Es gibt genügend Aussagen von während des Dritten Reichs Geflüchteten: Sie möchten nicht zurück nach Deutschland, weil sie nicht einem Übeltäter von einst in regulärer Position begegnen möchten. Was hat Adenauer getan, damit diese Befürchtung der Überlebenden vermindert wurde??

HP Schwarz entschuldigt die deutlich braungefärbten engsten Mitarbeiter von Adenauer mit folgendem Satz: „Viele, … mit denen er im Kabinett oder in der Parteiführung zusammenarbeitet, weisen in ihrem Lebenslauf wohlbekannte Fehler, betrübliche Arrangements mit den Herren von gestern, Doppelspiel, tragische Verstrickungen oder frisch-fröhliches Mitläufertum auf. …Hans Globke hat, wie jedermann weiß, den Kommentar zu den ‚Nürnberger Gesetzen’ mitverfasst.“ Was den einstigen SS-Aktiven Theodor Oberländer betrifft, zitiert Schwarz einen rechtfertigenden Satz von Kanzler Adenauer (ohne dass die mindeste Distanzierung Schwarzens merklich würde): Oberländer sei „unter den teuflischen Bedingungen des Ostfeldzugs zugleich bemüht (gewesen), die Grundsätze der Zivilisiertheit und der Vernunft nicht preiszugeben.“

Wenn diese Einschätzung Adenauers nur zitiert und ihr nicht widersprochen wird, dann ist das eine Mohrenwäsche für Oberländer (in gewissem Sinn auch für Konrad Adenauer selbst) und zeigt, wie sympathisch ehemalige PGs, und zwar in der Verbrechensmaschinerie hoch aktive PGs, dem damaligen Bundeskanzler waren.

Über Oberländer sagt Adenauer vor dem CDU-Bundesvorstand: er habe „sich niemals irgendwie an verbrecherischen Taten beteiligt; im Gegenteil, er hat dagegen Stellung genommen, innerhalb der NDSAP, und hat infolge dessen innerhalb der NSDAP große Schwierigkeiten gehabt“. ( S. 530)

(Ich habe den Text der deutschen Wiki über Oberländer an den Schluss dieses Briefs angehängt.)

Die DDR-Regierung versuchte während der gesamten Zeit ihres Bestehens (teils mit Recht, teils aber auch zu Unrecht, wie der gerade bekanntgewordene Fall „Strittmatter“ deutlich macht) ihre Legitimation auch dadurch zu erweisen, dass sie sich als NS-kritisch darstellte. Sie sei ein anderer Staat, sie sei kein Nachfolger. Zu dieser Selbstdarstellung gehörte, dass die DDR-Regierung und ihre Adlaten auf die braune Vergangenheit von nach wie vor hochrangigen BRD-Bürgern hinwies. Für den Autor Schwarz ist die Sachlage einfach: Wenn das Material aus der DDR kommt, ist es gut möglich, dass es „gefälscht“ ist (S. 5299; jedenfalls ist es nicht weiter ernstzunehmen.

Für Adenauer und wohl auch für seinen Verehrer HP Schwarz waren Menschen, die ehemals Braune in BRD-Funktionen kritisierten, nur böswillig, Schwarz: sie haben keine „anerkennenswerten Motive der politischen Hygiene“ S. 529 – eine bemerkenswerte Wortwahl! Es geht nicht um Recht, Strafe, Sühne, Moral, sondern um „Hygiene“.

Wir Bundesrepublikaner (zu denen ich mich auch zähle) erfahren im Lauf von Jahrzehnten immer wieder etwas neues über klar kriminell tätige Menschen im Dritten Reich, Einzelheiten, die nicht bekannt waren und die eindeutig von den Tätern verschwiegen worden waren.

Ein Grund für die unzureichende Strafverfolgung vieler Täter: Die Justiz der BRD war zu großen Teilen so braun, dass sie sich mit der Strafverfolgung wenig oder gar keine Mühe gab und, kam es zum Prozess, dass die Strafbemessung extrem freundlich ausfiel.

Ein anderer Grund, dass wir immer wieder noch neue Scheußlichkeiten und neue Lügen erfahren, war: Die NS-Täter ließen vor der Niederlage nach Möglichkeit jene Akten „verschwinden“, die einen (von einem Rechtsstaat geforderten) Nachweis ihres Unrechttuns hätten liefern können. Aber für Schwarz ist die Verfolgung von NS-Tätern oder auch nur wenigstens ihre Entfernung aus politisch
relevanten Positionen „Hygiene“.

Die öffentliche Kritik an Oberländer wird von Schwarz als „Hexenjagd“, das heißt sinngemäß: als Verfolgung von Unschuldigen, diffamiert S. 529.

Als Oberländer seinen Rücktritt anbietet, nimmt Adenauer diesen nicht an – ein Anlass für Schwarz, Adenauer zu feiern: „Zu den schätzenswerten Eigenschaften Adenauers gehörte es, Minister oder Mitarbeiter nicht fallenzulassen, wenn sie – wie im Falle Oberländer - zu Unrecht verdächtigt und in einem Ost-Berliner Schauprozeß in absentia verurteilt werden.“

Als einige wenige Studenten Ende der 50er Jahre beginnen, genauer nach der Vergangenheit ihrer Uni-Lehrer oder nach der Tätigkeit anderer anscheinend honoriger Personen während des Dritten Reichs zu fragen, Dokumente zu suchen und vorzulegen, denunziert HP Schwarz das als eine Sorte von kuriosem Freizeitspaß: „Das Thema NS-Vergangenheit beginnt damals vor allem die Studenten zu fesseln.“ 529. (Gemeint ist damit unter anderem wohl die Ausstellung „ungesühnte Nazi-Justiz“, die von zwei Studenten, SDS-Mitgliedern, organisiert wurde und einen wichtigen Anstoß gab für weitere Befassung unter Studenten mit dem ungehinderten Fortwirken von Dritt-Reich-Akteuren).

Die Bemühung einiger deutscher Studenten (vor allem Mitglieder des damaligen SDS), die NS-Zeit von prominenten BRD-Bürgern aufzuhellen, wird von Schwarz auch dadurch zu entwerten versucht, dass er sie als Ausfluss einer prokommunistischen Einstellung zu diffamieren versucht: „die Überwindung des Antikommunismus im Zeichen des Antifaschismus.“

Ich möchte dazu anmerken: Ich selbst war in der sogenannten Studentenbewegung engagiert; ich kann nur sagen: dem überwiegenden Teil der Studentenschaft waren DDR wie Sowjetunion unsympathisch. Wir Studenten befasssten uns mit dem Thema „Nazis in der BRD“ nicht deshalb, um Sozialismus oder Kommunismus hoffähig zu machen. Wir lehnten aber Informationen aus der DDR über westliche Braune nicht bereits deshalb ab, weil sie aus der DDR stammten.

Schwarz hält eine pro-NS-Einstellung unter Bundesbürgern erkennbar für überholt, wenn er dieses Thema als „Gespenster der Vergangenheit“ und als „herumgeistern“ bezeichnet; er schreibt: Seit dem Frühjahr 1959 beginnen „die Gespenster der Vergangenheit stärker als früher auch in der Öffentlichkeit der westlichen Großmächte herumzugeistern“.

Ich freue mich auf Ihre Antwort.

Mit freundlichen, respektvollen Grüßen

Veit Feger


Aus der deutschen Wiki über Theodor Oberländer:

1933 habilitierte er sich in Königsberg und wurde zum Direktor des Instituts für Osteuropäische Wirtschaft an der dortigen Universität ernannt. 1934 wurde er zum außerordentlichen Professor für Agrarpolitik und Direktor des Osteuropainstituts in Danzig ernannt. Gleichzeitig war er Reichsleiter des Bundes Deutscher Osten (BDO). Auf Fürsprache des Lufthansa Präsidenten, Wilhelm Canaris wird Oberländer 1937 an die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald berufen. 1938 wurde Oberländer zur Abwehr in die Abteilung II beim Oberkommando der Wehrmacht eingezogen.[5] 1940 besetzte er an der Reichsuniversität Prag den Lehrstuhl für Staatswissenschaften. 1941 wurde er hier Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät. - Oberländer widmete sich der Ostforschung, diese wurde staatlich gefördert. Das Ziel der staatlichen Förderung war zunächst revisionistisch auf die Wiedereingliederung der nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Ostgebiete gerichtet. Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945 ab dem 22.Juni 1941 erforderte aber wirtschaftswissenschaftliche und ethnologische Konzepte für eine Neuordnung Osteuropas wie beispielsweise den Hungerplan. Während des Dritten Reiches war das Zentrum für staatlich geförderte Ostforschung die Publikationsstelle Dahlem (PuSte) eine Filale des Geheimen Preußischen Staatsarchivs , welche eng mit dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS und dem Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums zusammen arbeitete.[6]. Hier wurden Forschungsaufträge vergeben und Studien gedruckt, die sich besonders mit dem Auslandsdeutschtum in Polen und dem Baltikum beschäftigten. Oberländer setzte sich für eine ethnische Neuordnung Osteuropas unter deutscher Vorherrschaft ein (Der Kampf um das Vorfeld 1937). Oberländer stellte in einer damals gebräuchlichen, rassistischen Weise das »osteuropäische Judentum« als Agent des Kommunismus und der Pauperisierung als Ursache für wirtschaftliche Probleme dar. Zu dieser Sichtweise lieferte sein Mitarbeiter Peter Heinz Seraphim in seiner Darstellung Das Judentum im osteuropäischen Raum 1938 ergänzende Elemente. Während des Zweiten Weltkrieges wurden seine Studien, welche die sozialen Probleme einer konstruierten Überbevölkerung zuschrieb, in den eroberten Ostgebieten von der SS als wissenschaftliche Legitimationen zu den grausamen Umsiedlungsprojekten benutzt, Oberländer selbst reichte Denkschriften und Expertisen ein. Oberländer proklamierte die Notwendigkeit der Verringerung der Volkszahl, dies fand insofern Zustimmung, da von einer rassistischen Hierarchie ausgegangen wurde, an deren Spitze das Deutschtum stand. Dem Judentum kam nur die Rolle des bevölkerungspolitischen Ballastes zu.

Während des Zweiten Weltkrieges war er in seiner Eigenschaft als Ukraine-Referent des Oberkommandos der Wehrmacht mit dem Dienstgrad eines Hauptmanns Berater des Führers der deutsch-ukrainischen Freiwilligeneinheit Bataillon Nachtigall und gehörte später auch dem deutsch-kaukasischen Sonderverband Bergmann an. Nachtigall war erheblich am Massaker an den Lemberger Professoren 1941 beteiligt.[7]., "Bergmann" unter anderem in der »Partisanenbekämpfung« eingesetzt. Am 29. April 1960 wurde Oberländer in der DDR wegen der Erschießung von mehreren tausend Juden und Polen in Lemberg in Abwesenheit zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Dieses Urteil wurde erst am 28. November 1993 vom Landgericht Berlin ohne Prüfung der Vorwürfe der Anklage aus formalen Gründen aufgehoben.[8]

Nachdem er in mehreren Denkschriften Kritik an der deutschen Besatzungspolitik in Osteuropa geäußert hatte, wurde er 1943 als Kommandeur abgelöst. Anschließend war er Verbindungsoffizier im Stab der so genannten Russischen Befreiungsarmee unter General Andrei Andrejewitsch Wlassow. Von 1945 bis 1946 befand sich Oberländer in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Danach war er zunächst als Landarbeiter im Kreis Uelzen und später als Geschäftsführer einer Samenzuchtfirma in Bayern tätig.

In den 1970er Jahren engagiert er sich in der Gesellschaft für freie Publizistik und im Verein für das Deutschtum im Ausland. 1982 trat Oberländer als Mitunterzeichner des Heidelberger Manifestes in Erscheinung, das sich gegen eine weitere Zuwanderung nach Deutschland aussprach.

Im Wintersemester 1923 nahm Oberländer mit der Gilde Greif am gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsch teil. [9] Er wurde Mitglied der Schwarzen Reichswehr, sein Verband war der „Bund Oberland“, welcher ab 1921 den Kern der Sturmabteilung (SA) in Bayern bildete. Oberländer erreichte bei der SA den Rang des Obersturmbannführers. Ebenso war er Mitglied im „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“. Am 1. Mai 1933 wurde Oberländer Mitglied der NSDAP. 1948 wurde Oberländer zunächst Mitglied der FDP. 1950 gehört er aber zu den Mitbegründern des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und wurde sogleich Landesvorsitzender des BHE in Bayern. Von 1951 bis 1955 gehörte Oberländer dem GB/BHE-Bundesvorstand an und war zuletzt von 1954 bis 1955 dessen Bundesvorsitzender.

1956 trat Oberländer in die CDU ein.

Von 1950 bis 1953 gehörte Oberländer dem Bayerischen Landtag an.

Oberländer war erstmals von 1953 bis 1961 Mitglied des Deutschen Bundestages. Am 12. Juli 1955 verließ er u.a. gemeinsam mit Waldemar Kraft (sog. Gruppe Kraft/Oberländer) die GB/BHE-Bundestagsfraktion. Am 15. Juli 1955 schloss er sich gemeinsam mit dieser Gruppe als Gast der CDU/CSU-Bundestagsfraktion an und wurde am 20. März 1956 schließlich deren Mitglied.

Am 9. Mai 1963 rückte er für die verstorbene Abgeordnete Elisabeth Vietje erneut in den Bundestag nach, dem er noch bis zum Ende der Wahlperiode 1965 angehörte.

Theodor Oberländer ist 1953 über die Landesliste Bayern, 1957 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Hildesheim-Stadt und -Land und 1963 über die Landesliste Niedersachsen in den Bundestag eingezogen.

Öffentliche Ämter [Bearbeiten]
Vom 3. Januar 1951 bis zum 24. Februar 1953 war Oberländer Staatssekretär für Flüchtlingsfragen im bayerischen Staatsministerium des Innern.

Am 20. Oktober 1953 wurde er als Bundesminister für Angelegenheiten der Vertriebenen in die von Bundeskanzler Konrad Adenauer geführte Bundesregierung berufen. Am 1. Februar 1954 wurde das von ihm geleitete Ministerium in Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte umbenannt.

Angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen seiner möglichen Tätigkeiten im Zweiten Weltkrieg und der Verurteilung zu lebenslangem Zuchthaus in der DDR wuchs der öffentliche Druck auf Oberländer. Ein Rücktrittsangebot Oberländers lehnte Adenauer zunächst noch ab. Nachdem die SPD aber einen Untersuchungsausschuss über die Vergangenheit Oberländers beantragt hatte, trat er schließlich am 4. Mai 1960 unter Zurückweisung der Vorwürfe zurück.